| CCSJ |
... IM RÜCKBLICK |
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Wenn ich mit meinem Auto über die Insel fahre, muss ich oft an einen russischen Autor denken, dessen Name mir jedoch entfallen ist. Er hatte die auf einer Bahn-Reise an ihm vorbeiziehende Landschaft als Buch erlebt und geschildert. Als eine Geschichte, mit all ihren Fragen und Antworten, mit ihren dramatischen Höhepunkten, mit Absätzen und Kapiteln voll von Witz und Melancholie … ganz so wie ich Ibiza noch in meiner Ersten Pitiusischen Dekade – in den 80ern – lesen konnte. In diesen friedvollen Jahren drang jedoch bereits eine Vielzahl an Problemen nahezu unbemerkt in diese Geschichte - dieses Buch - ein und warfen die Kapitel etwas durcheinander. Das mussten dann auch solche, die bisher wenig lesefreudig waren, während der Krise zu Beginn der 90er – meiner Zweiten Pitiusischen Dekade – an eigener Substanz erfahren. Leicht aus ihrem Konzept geworfen erkannten sie, dass simples Betrachten – als Medium der Gegenwart – ausreichend ist für Genuss und Fröhlichkeit, für das Denken jedoch das genaue Gegenteil gilt. Hier trafen viele auf die zweite Potenz des Erkennens, wie Schopenhauer das Denken nannte, deren Ausübung stets einige, oft bedeutende Anstrengungen erfordert. Im Wesentlichen ging es auf einmal um Kontextualität – also: um den Umgang mit externen Schriftstellern, mit bisher fremden Texten, die unseren Insel-Roman auf einmal mitgestalteten. Kontextualität ist eine permanente Such-Aufgabe und wird als solche am häufigsten beim Vergleich von Börsenkursen betrieben, doch liegt ihre eigentliche Aufgabe in der Kultur-Gestaltung. Eine elastisch offene Dialogfähigkeit allein hilft jedoch meist wenig, wenn es an Text-Quellen mangelt, oder diese ganz einfach nicht bekannt sind. Folglich wurde es mir ... sozusagen ... zu einer zwischenmenschlichen Dringlichkeit, in unsrem Dorf 1994 ein interkulturelles Kommunikations-Training zu starten. Sein Name: CENTRE CULTURAL DE SANT JOAN (CCSJ). Es ging darum, einen bescheidenen Beitrag bei der Pflege und Schaffung – auch im Sinne von Erweiterung – eines kulturstiftenden Gedächtnisses zu leisten. Um mechanistische Archivierungen, ebenso wie rein kalkulative Archiv-Öffnungen gering zu halten - bis auszuschliessen, musste ich gewisse Textansprüche stellen. Das bedeutet, ich musste zwischen Bildfragmenten und Gesamtbildern, die ausser ihrer äusseren Erscheinung unvermeidbar immer Inhalte in sich tragen, abwägen. Dabei galt es folgendes zu beachten: 1. Nur ein Text, der ausschliesslich den Referenzbereich der Texte gelten lässt, ist Gedächtnis und Speicher, im dem die durch Texte erfahrene kulturelle und semiotische Erfahrung abgelagert ist. 2. Nur in der Intertextualität, in der Interferenz der Texte ist Textkultur, ist Kultur präsent. Text oder Bild als Akkumulator werden hier zur allgemeinen kulturellen Aktion. In unserem Fall – dem CCSJ – erwuchs der Schriftsatz stets wie aus einer Kultur-Landschaft. Hier setzte das kommunikative Niveau zwar einerseits eine relativ hohe Einstiegs-Schwelle voraus, doch andererseits gab es eine wohltuende Unbestimmbarkeit, im Sinne Heisenberg’s Unschärfenrelation. Schnell wurde verständlich, dass im Widerspruch der Einmaligkeit jedes Bildes und der Unendlichkeit seiner Umreissung, letztere nur zu beobachten war. Der Sprache blieb es unmöglich zu bestimmen, wieviel und welcher Inhalt dem wirklich Erlebten zugemessen werden kann. Deshalb dehnte sich so das Dialog-Feld quasi automatisch, wie zwingend über die Alltäglichkeit der Kommunikation hinaus und wurde Erzeuger reflektiver Visionen wie visionärer Reflexionen. Soziale, ethische und äthetische Konventionen wurden bzgl. ihrer Konditionierung in Frage gestellt. Es ging von Anfang an um die Beziehungen zwischen den Bedeutungsmechanismen eines Kunstwerks und seinem ästhetischen Wert in der jeweiligen ästhetischen Situation, inklusive aller Teilnehmer mit ihren potenziell kommunikationsfähigen Kontexten. Also: die Erhaltung eines Buches durch eben seine Offenheit. Obwohl sich durch dieses Training unmittelbar keine Überforderungen abzeichneten, lediglich eine kleine Gewöhnungsbedürftigkeit im Raume weilte, wurden mittelbar zweifelhafte Vordergründe, wie eigendeklarierte Macht-Positionen, grundiert durch ein Mangel an Verständnis, untergründig infiltriert. Die Rede ist von Antitexten, die sich jetzt aus ihrer Bedrohtheit heraus intrigant und im Geheimen ersprachen. Doch die kulturstiftende Kontextsuche wurde, trotz einiger dieser unbeholfenen Versuche, erfolgsprägende Dominante und Motor aller Aktivitäten des CCSJ. Schon nach den allerersten Erfolgen in Sant Joan wurden Ausstellungsräume und Kulturzentren in den anderen Gemeinden der Insel eingerichtet. Leider kam es dann aber, zu Beginn des Neuen Jahrtausends – meiner Dritten Pitiusischen Dekade – zu dem Irrtum, das Prinzip der Kraft durch Vielfalt in Alle gegen Alle umzuinterpretieren, was eine überproportionierte, soziale Fragmentation evozierte. Die Insel schien nur noch eine beliebige Oberfläche mit unbegrenzter Dimension zu sein, auf der jeder noch heute seine Rezepte für Genuss und Fröhlichkeit als die einzig Gültigen zu verkaufen sucht. Politische Kurzsichtigkeit, Sektenpathos und die Isolation von Mitbürgern, in inzwischen ebenso vielen wie diversen nationalen Gruppen, haben durch ihre Überlebenstaktiken, Strategien ignorierend, unsere Insel-Festplatte derart fragmentiert, dass eine gemeinsame Geschichte kaum noch zu lesen ist. Sprach der Reiz Ibiza’s einst aus neuer Vielfalt und ewiger Intuition, schweigt er heute in Gehegen stumpfsinnigen Kalküls. Der amerikanische Philosoph und Kunst-Kritiker Arthur C. Danto schilderte, nicht immer stimmig im Detail, in seinem Buch „Die philosophische Entmündigung der Kunst“, inwiefern die Kunst am Anfang und am Ende ihrer Geschichte das Mittel zur Philosophie war. Er unterstreicht ihren Einfluss im Wandel der gesamten Kultur, durch ihre Elastizität sich selbst zum Objekt geworden zu sein und so der allgemeinen Evolution auf höchster Ebene gedient zu haben. Die Zukunft sieht er bei denen, die ihr Gestaltungs-Potential weiterhin ludisch entwickeln. Er endet: „Die wichtigere Frage wäre, was für Philosophen man wohl züchten soll, und ich würde sagen: solche, von denen jene Philosophie zu erwarten ist, auf die die Kunst uns vorbereitet hat. Ich bin nur Ihr Prophet.“ ... Wo Gegenwart immer nur GEGENWART ALLER sein kann. Dieser begegnen wir dann auf den Treffpunkten gegenwärtiger Kultur – den Kultur-Zentren. Wie auf einer Reise, ziehen die Eindrücke an den Teilnehmern scheinbar vorüber, wie Zeilen in einem offenen Buch, doch Text oder Bild als Akkumulator, können hier zur allgemeinen kulturellen Aktion werden, ganz so wie es die Erfahrungen des CCSJ beschreiben. |
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Reservados todos los derechos. Revisado el: 08 de agosto de 2008